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Wohin geht der Trend der Web 2.0-Nutzung? - Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2008

Wer kennt Weblogs? Wer nutzt Communities? Was ist in der Web 2.0-Szene im Moment absolut in, was eher out? Antworten auf diese Fragen und einige unerwartete Ergebnisse findet man in der ARD/ZDF-Onlinestudie 2008.

Die Entwicklung der Internetnutzung in Deutschland sowie der Umgang der Nutzer mit den Angeboten bilden schließlich in der, seit 1997 jährlich erscheinenden, Studie die zentralen Fragestellungen. Diese, nach eigenen Angaben, national repräsentative Stichprobe wird über CATI (= Computer Assisted Telephone Interviews) telefonisch erhoben. In der Studie wird statt „Social Web“, der bekanntere Begriff „Web 2.0“ verwendet. In der diesjährigen Umfrage wurden insgesamt 1186 Onliner ab 14 Jahren befragt. Die methodische Beratung und Betreuung der Studie, die Durchführung der Interviews und Auswertung der Ergebnisse erfolgt seit Beginn durch das Institut für Medien- und Marketingforschung Enigma-GfK. (vgl. ard-zdf-onlinestudie.de 2008)

Passivität im Web 2.0?

Charakteristisch für das Web 2.0 ist seine einfache Bedienung. Der Nutzer kann ohne technisches Vorwissen eigene Beiträge im WorldWideWeb publizieren, Beiträge anderer kommentieren, sich virtuell vernetzten oder in Foren präsentieren. Mitmachangebote „leben“ dementsprechend von der Beteiligung der Nutzer, da die dort zu findenden Inhalte von den Nutzern bereitgestellt werden. Zu den bekanntesten gehören die Onlineenzyklopädie Wikipedia, die Communities StudiVZ sowie das Videoportal YouTube. (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.356)

Der Wille, sich aktiv mit einzubringen, ist unter den Onlinern allerdings wenig ausgeprägt. Nur 13 Prozent zeigen sich sehr interessiert am aktiven Mitwirken. Dieser Anteil ist seit 2007 unverändert niedrig. Zählt man noch die „etwas interessierten“ dazu, hat jeder dritte Internetnutzer (35 Prozent) mindestens etwas Interesse am Bereitstellen eigener Inhalte. Dies bedeutet allerdings auch, dass für 75 Prozent die aktive Beteiligung schlicht uninteressant ist. Die Ausnahmen bilden die jungen Onliner (14 bis 19 Jahre): Mehr als die Hälfte zählt zu dem Kreis der potenziellen Lieferanten des user-generated Contents. (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.357, Abb.2)

Dieses Ergebnis zeigt, dass die Onliner noch nicht zum kompletten Benutzen des Web 2.0 bereit zu sein scheinen, obwohl die Voraussetzungen gegeben sind. Dies bedeutet wiederum, dass das Internet hauptsächlich als Abrufmedium begriffen und genutzt wird. (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.356)

Gewinner: Communities

Doch trotz der überwiegenden Passivität im Web 2.0, ist die Nachfrage nach den Anwendungen gestiegen. 60 Prozent aller Onliner haben sich beispielsweise in Wikipedia bereits informiert und 25 Prozent nutzen es mindestens ein Mal wöchentlich (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.357).

Den größten Sprung verzeichnen allerdings die privaten Netzwerke wie MySpace, StudiVZ und Wer-kennt-wen. Die zumindest wöchentliche Nutzung verdreifachte sich binnen eines Jahres und liegt derzeit bei 19 Prozent. Für zehn Prozent der Onliner zählen private Netzwerke zur täglichen Onlinebeschäftigung, dieser Anteil lag im Vorjahr noch bei zwei Prozent (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.358, Abb.4). Insgesamt sind 29 Prozent der Onliner Mitglied einer Community (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.362, Abb.9). Dies könnte auf die langsame Habitualisierung erster Web 2.0 Anwendungen hindeuten (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.361).

Auch hier ist die Begeisterung der Jugend (14 bis 19 Jahre) besonders hoch. Drei von vier sind Mitglied einer Community und sogar 41 Prozent sind bei zwei oder mehr Netzwerken registriert. Unter den Twens (20 bis 29 Jahre) zählen immerhin noch 61 Prozent zu den Nutzern. (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.362, Abb.9)

Doch warum sind private Netzwerke so beliebt? Im Gegensatz zu beruflichen Netzwerken, bei denen eine Mitgliedschaft mit vier Prozent der Onliner deutlich seltener ist, steht bei den privaten nicht die Suche nach Informationen im Vordergrund. Das Stöbern in Profilen ist hier eindeutig der Reiz, 55 Prozent klicken sich mindestens wöchentlich durch die Profile von Bekannten, Gleichgesinnten oder potenziellen Partnern. Auch das Schreiben von Beiträgen, Kommentaren und Nachrichten sind sehr wichtige Funktionen. Somit wird unter anderem die E-Mail-Funktion substituiert, aber auch die der Weblogs. (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.362)

Verlierer: Weblogs

Eine kleine Überraschung der Onlinestudie: Weblogs sind weniger gefragt als im Jahr zuvor. Nur 24 Prozent können mit dem Begriff „Weblog“ überhaupt etwas Konkretes verbinden und nur sechs Prozent haben überhaupt welche bereits genutzt (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.360, Abb.7). Doch trotz der geringen Bekanntheit sind Weblogs immer öfter im WorldWideWeb zu finden. So werden Blogs als journalistische Form in bereits bestehende Webangebote wie tagesschau.de eingebaut. Die Blogfunktion wird hier als Mittel zum Austausch eingesetzt, allerdings fehlt oft die blogtypische Vernetzung in der Blogossphäre. (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.360)

In der generellen Wahrnehmung von Weblogs zeigt sich außerdem, dass diese zwar als interessant, aber wenig glaubwürdig wahrgenommen werden. Nur 29 Prozent der Onliner halten die auf Weblogs verbreiteten Informationen für glaubwürdig, 71 Prozent sind skeptisch und misstrauen sogar dem Wahrheitsgehalt. Entsprechend sehen auch nur 33 Prozent Weblogs als eine Konkurrenz zu journalistischen Angeboten. Eine Mehrheit von 56 Prozent finden sogar, dass Weblogs überschätzt werden und das Meiste eher unwichtig ist. (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.360, Abb.8)

Eine Erklärung für den Rückgang der Weblognutzung ist, dass Communities immer mehr Funktionsüberschneidungen zu Weblogs haben. Communities erfüllen ihren Nutzern ebenfalls den Wunsch, sich zu präsentieren und zu vernetzten (vgl. Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph 2008, S.363). Ein gut gemachter Blog erfordert zudem einen hohen zeitlichen Aufwand, der Anfangs gern unterschätzt wird. Ein Profil in einer Community ist dagegen schnell erstellt (vgl. Eck, Klaus 2008).

Kritik

Die Blogossphäre reagierte kritisch auf die schlechten Ergebnisse für Weblogs. In dem Weblog schmidtmitdete.de von Jan Schmidt wurde beispielsweise eine rege Diskussion geführt. Hugo E. Martin kommentierte hier: „[…] die Zahl der Blogleser ist in allen anderen Studien, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden eh höher. Auch das müsste bei einer Plausibilitätsprüfung irgendwie auffallen (und falls es korrekt ist, eine Erklärung erfahren) (vgl. Schmidt, Jan 2008).“ In der ACTA 2008 (=Allensbacher Computer- und Technik-Analyse) ergab die Umfrage tatsächlich einen Bloggeranteil von elf Prozent (vgl. Prof. Dr. Köcher, Renate 2008). Klaus Eck erwiderte in seinem Weblog pr-blogger.de auf das Ergebnis der Studie: „Über die Relevanz von Blogs in Marketing und PR sagt das deshalb noch nicht viel aus. (vgl. Eck, Klaus 2008)“

Aber auch über die „Passivität“ im Web 2.0 wurde gebloggt: „Wohlgemerkt: Ein Drittel würde mitmachen! Was soll denn da noch für eine Zahl stehen, bis die Schnarchzapfen vom Lean-Back-Medium Fernsehen ihre Zuschauer als Potential erkennen. […] Und da schreibt ein Unternehmensplaner des Senders, dass keiner mitmachen will! (vgl. Bibliothomas 2008)“ Letztendlich sollte die ARD/ZDF-Onlinestudie als das gesehen werden, was sie ist: eine Umfrage, die mit einer kleinen Stichprobengröße für qualitative Aussagen und Zeitreihen-Betrachtungen geeignet ist.


Quellen- und Literaturverzeichnis:

ard-zdf-onlinestudie.de: Methodensteckbrief, in ard-zdf-onlinestudie.de, 10. Oktober 2008, URL: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=73 (Abruf: 10.10.2008)

Bibliothomas (2008): ARD - ZDF Online Studie 2008: Der Web 2.0-Teil ist einfach grottenschlecht, in Chip-online Community-Blog (Weblogeintrag vom 4. August 2008), URL: http://blog.chip.de/community-blog/ard-zdf-online-studie-2008-der-web-20-teil-ist-einfach-grottenschlecht-20080804/ (Abruf: 10.10.2008)

Eck, Klaus (2008): Ade Corporate Blogs? Lifestreamblogs entstehen, in PR Blogger (Weblogeintrag vom 7. August 2008), URL: http://klauseck.typepad.com/prblogger/2008/08/ade-corporate-b.html (Abruf: 10. 10.2008)

Fisch, Martin und Gscheidle, Christoph (2008): Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2008 – Mitmachnetz Web 2.0: Rege Beteiligung nur in Communitys, in Media Perspektiven, Heft 7/2007, S.356 – 364

Prof. Dr. Köcher, Renate (2008): Veränderungen der Informations- und Kommunikationskultur, in acta-online.de, 16. Oktober 2008, URL: http://www.acta-online.de/praesentationen/acta_2008/acta_2008_Information%2390EDC.pdf (Abruf: 25.10.2008)

Schmidt, Jan (2008): Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2008 ist da, in Schmidt mit Dete (Weblogeintrag vom 1. August 2008), URL: http://www.schmidtmitdete.de/archives/183 (Abruf: 10.10.2008)


5-Minuten-Thema von Christina Wolf im Rahmen der PR-Veranstaltung PR II (Thomas Pleil) Studiengang Online-Journalismus mit Schwerpunkt PR- und Öffentlichkeitsarbeit an der Hochschule Darmstadt (Wintersemester 2008/09)

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