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Grassroots Lobbying

Politische Entscheidungsprozesse durch Lobbying zu beeinflussen ist heute kaum noch eine Seltenheit: Unzählige Verbände, Repräsentanzen oder Berater buhlen um die Aufmerksamkeit der Entscheidungsträger der Legislative, wenn es um die fachlich-politische Einflussnahme auf staatliche Konventionen geht (vgl. Althaus 2007: 7f). Allein in der Lobbyliste des deutschen Bundestages sind über 2150 Verbände registriert, die „die Interessen gegenüber dem Bundestag oder der Bundesregierung vertreten“ (GOBT 2009: Anlage 2). Die Dunkelziffer nicht-registrierter oder verbandsunabhängiger Lobbyisten dürfte indes noch höher liegen.

Meist spielt sich die klassische Interessenvertretung wohl im Verborgenen ab. Profis mit Fachwissen und Überzeugungskünsten werden auf Parlamentarier und Regierung angesetzt (vgl. Althaus 2007: 8). Diese Intransparenz scheint bedauerlich, existiert hierzulande verbreitetes Unbehagen der Öffentlichkeit gegenüber Lobbyisten, das die Glaubwürdigkeit der Politik belastet. Der Begriff Lobbying ist vorwiegend negativ belegt, da mit ihm häufig illegitime Einflussversuche einzelner Interessenorganisationen verbunden werden (Schmedes 2009).

Grassroots Lobbying: Jedermann als Lobbyist

Als eine öffentlichere Form der Einflussnahme ist das Grassroots Lobbying zu sehen – die Synthese aus klassischer, strategischer Lobbyarbeit und Kampagnenarbeit als sichtbares Druckmittel (vgl. Althaus 2007: 8). Somit geht es um den Versuch von bspw. NGOs, NPOs oder auch Unternehmen, öffentliche Debatten und politische Entscheidungen durch Kampagnenarbeit zu beeinflussen (vgl. Wikipedia: Corporate Activism).


Abb.1: Grassroots Lobbying

Public-Affairs-Experte Marco Althaus beschreibt es anschaulicher: Grassroots Lobbying bedeutet Interessenvertretung dort, wo Politik ihre empfindlichste Stelle hat – an der lokalen Basis. Jedermann als Amateurlobbyist macht diese Art von Einflussnahme glaubwürdig und effektiv. (vgl. Althaus 2007: 12f) Und unterscheidet sie damit grundlegend strategisch vom klassischen Lobbyismus.

Letztlich geht es im Grassroots Lobbying darum, bestimmte Bezugsgruppen die von einem partikularen Thema betroffen sind zu aktivieren und als Druckmittel einzusetzen. Als Beispiel könnten Mitarbeiter gelten, deren Arbeitgeber durch ein bevorstehendes Gesetzgebungsverfahren betroffen ist. Das Unternehmen macht seinen Arbeitnehmern klar, wie sie persönlich durch die gesetzlichen Neuerungen beeinträchtigt werden könnten. Als Konsequenz dieser politischen Aufklärungsarbeit sollen sich mobilisierte Mitarbeiter gegen besagte Gesetzesvorlage stark machen. Es gilt Druck in Richtung der Entscheidungsträger auszuüben, und wo könnte dies verbindlicher geschehen, als an der Basis der Demokratie: bei der Wählerschaft.

Bekenntnis zum Kontrollverlust

Entscheiden sich Organisationen für netzwerkinitiierte Druckkampagnen des Grassroots Lobbying, müssen sie damit viel strategische Entscheidungsgewalt über ihre Interessenvertretung abgeben. Es baut auf einem strategischen Neuarrangement, bei dem der professionelle Lobbyist zwar als Produzent und Regisseur den Dialog mit der Politik in Szene setzt, aber keinen direkten Einfluss auf das Verhalten des einzelnen mobilisierten Aktivisten hat (vgl. Althaus 2007: 13). Grassroots Lobbying ist ein basisdemokratisches Modell, das ein klares Bekenntnis der initiierenden Organisation zu Mitbestimmung und Kontrollverlust voraussetzt (vgl. Althaus 2007: 22). Selbiges gilt auch für Aktivitäten im Social Web, denen im Rahmen des Modells der Cluetrain-PR grundlegend dialogische Charakteriskia zugewiesen werden. Nach diesem Verständnis werden User verstärkt als Kommunikationspartner gesehen, mit denen es strategische Beziehungen aufzubauen gilt (vgl. Pleil 2007). Als Synthese betrachtet bestehen hierbei verstärkt konnektivistische Potenziale für den Aufbau von Unterstützergruppen im Sinne des Grassroot Lobbying im Social Web.

Phasen des Grassroot Lobbying

Doch unabhängig davon, ob die Mobilisierung On- oder Offline stattfindet, lässt sich das Grassroot Lobbying letztlich in drei Phasen unterteilen (vgl. Lerbinger 2006: 254 ff):

Constituency Building (Aufbauphase)

"Finden Sie Menschen die bereit sind, sich für die Interessen Ihrer Organisation politisch zu engagieren"

Constituency Communication (Kommunikationsphase)

"Bilden Sie Ihre Unterstützer: Sie müssen wissen worum es geht. (Educating about the issues)"

Constituency Activation (Aktivierungsphase)

"Aktivieren Sie Ihre Unterstützer zum richtigen Zeitpunkt, und mobilisiere Ihren 'Jagdinstinkt': Sie müssen Ihre Issues schnellstens in die Öffentlichkeit tragen (Rapid response).

bew


Quellennachweise

Althaus, Marco (2007): Grassroots Lobbying: Die nächste Disziplin der Wirtschaftskommunikation. In: Marco Althaus (Hrsg.): Kampagne!3. Neue Strategien im Grassroots Lobbying für Unternehmen und Verbände. Berlin: LIT: 7-11

Althaus, Marco (2007): Jedermann als Lobbyist: Grassroots-Modelle in den USA und Europa. In: Marco Althaus (Hrsg.): Kampagne!3. Neue Strategien im Grassroots Lobbying für Unternehmen und Verbände. Berlin: LIT: 12-158

Lerbinger, Otto (2006): Corporate Public Affairs: interacting with interest groups, media and government. Mahwah, New Jersey: Lawrence Earlbaum Associates

Pleil, Thomas (2007): Online-PR zwischen digitalem Monolog und vernetzter Kommunikation. In: Thomas Pleil (Hrsg.): Online-PR im Web 2.0. Fallbeispiele aus Wirtschaft und Politik. Konstanz: UVK: 10 - 34

Schmedes, Hans-Jörg (2009): Die im Dunkeln sieht man nicht. In: Berliner Republik. Ausgabe: 3/09, Online verfügbar: http://www.b-republik.de/archiv/die-im-dunkeln-sieht-man-nicht2 (Abruf: 20.02.2010)

Wikipedia:
Corporate Activism. Online verfügbar: http://de.wikipedia.org/wiki/Corporate_Activism (Abruf: 29.12.2009)

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