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Der Fall Contergan

Krise in der Pharmaindustrie

Mit der Markteinführung des Beruhigungsmittels Contergan ereignete sich die folgenschwerste Arzneimittelkatastrophe des 20. Jahrhunderts (vgl. dazu Angabe 1 im Quellenverzeichnis). Demnach kamen weltweit etwa 10.000 Kinder mit Missbildungen auf Welt, die Hälfte davon in Deutschland (vgl. dazu Angabe 2 im Quellenverzeichnis).

Einen kurzen Überblick über diesen Fall soll der folgende Artikel gewähren.

Das Medikament - erwünschte und unerwünschte Wirkungen

Am 01. Oktober 1957 kam das Medikament Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid als rezeptfreies Arzneimittel auf den Markt. Hersteller war das Unternehmen Grünenthal. Der Wirkstoff des Schlaf- und Beruhigungsmittels schien sich, so wie die damaligen pharmakologischen und toxikologischen Prüfungen an Nagern zeigten, als gut verträglich zu erweisen (vgl. dazu Angabe 2 im Quellenverzeichnis). Jedoch ist dabei zu betonen, dass die Zulassung von Medikamenten zu diesem Zeitpunkt nicht wie heute durch das Arzneimittelgesetz geregelt oder in Deutschland durch eine Behörde überwacht wird. Heute kontrolliert diesen Prozess das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn (vgl. dazu Angabe 3 im Quellenverzeichnis). Der Wirkstoff Thalidomid galt damals als besonders harmlos und wurde deshalb seitens des Unternehmens stark beworben. Zahlreiche schwangere Frauen nahmen das Beruhigungsmittel Contergan aufgrund der guten Verträglichkeit und der Linderung der Schwangerschaftsübelkeit ein, besonders in der frühen Schwangerschaft. Auch Kindern wurde das Medikament verordnet (vgl. dazu Angabe 4 im Quellenverzeichnis). Wie sich allerdings später herausstellte, blockiert Thalidomid einen Wachstumsfaktor (vgl. dazu Angabe 5 im Quellenverzeichnis) bei der Entwicklung des Embryos. Die Einnahme des Medikaments in der Zeit von 40 bis 50 Tagen nach der letzten Menstruation stellte sich daher nachträglich als fatale Kontraindikation heraus. Da demnach die Entstehung von Missbildungen am Embryo vom Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme abhängt, kamen nicht alle Kinder, deren Mütter das Arzneimittel Contergan einnahmen, mit Schädigungen auf die Welt.

Grund für den Rückruf des Schlafmittels am 27. November 1961 war die hohe Anzahl an Missbildungen bei Neugeborenen. Ihnen fehlten einerseits Extremitäten, teilweise aber auch Organe. Die teratogene, also erbgutschädigende, Wirkung des Wirkstoffes wurde erst Mitte der 1960er Jahre an Kaninchen nachgewiesen (vgl. dazu Angabe 2 im Quellenverzeichnis). Der Einsatz von Kaninchen im Tiermodell war zum damaligen Zeitpunkt allerdings nicht angezeigt.

Eine weitere unerwünschte Wirkung des Medikaments waren Nervenschäden, weshalb im Jahr 1961 auch die Rezeptpflicht für den Wirkstoff Thalidomid eingeführt wurde. Grünenthal konnte diese Beobachtungen allerdings nicht im Tiermodell nachweisen (vgl. dazu Angabe 6 im Quellenverzeichnis).

Mittlerweile vertreiben andere Hersteller, also nicht das Aachener Unternehmen Grünenthal, den Wirkstoff zur Therapie der Infektionskrankheit Lepra und einigen Krebserkrankungen. Jedoch ist dabei auf eine besondere Verschreibungspflicht seitens der Ärzte bei Frauen hinzuweisen (vgl. dazu Angabe 7 im Quellenverzeichnis).

Der Skandal - Grünenthal ruft Contergan zurück

Am 27. November 1961 nahm das Unternehmen Grünenthal das Medikament „bis zur wissenschaftlichen Klärung der aufgeworfenen Fragen“ (vgl. Angabe 4 im Quellenverzeichnis) vom Markt. Ein Tag davor erschien in der Welt der Artikel „Missbildungen durch Schlaftabletten“ (vgl. dazu Angabe 1 im Quellenverzeichnis), in dem der Hamburger Arzt Dr. Widukind Lenz seinen Verdacht äußerte. Das Medikament war seitens Grünenthal nicht mehr auf dem Markt zu halten – eine zu breite Öffentlichkeit wurde nun mit dem Zusammenhang der Missbildungen und dem Schlafmittel konfrontiert. Im Vorfeld gingen bereits, besonders was die Nervenschädigungen betraf, über mehr als 3000 Verdachtsmeldungen über Nervenschäden und Missbildungen in Folge des Schlafmittels bei Grünenthal ein (vgl. dazu Angabe 4 im Quellenverzeichnis). Die Fehlbildungen traten unabhängig voneinander in Deutschland, Großbritannien und Australien auf. Lenz teilte dem Unternehmen seinen Verdacht bereits am 15. November 1961 mit, zeitgleich bestätigte ein australischer Mediziner den Verdacht. Zwölf Tage später wurde Contergan vom Markt genommen. In einer firmeneigenen Publikation wird dieses Handeln als „rasch“ dargestellt (vgl. dazu Angabe 2 im Quellenverzeichnis).

Zu erwähnen ist außerdem, dass die erhöhte Zahl der Missbildungen Ende der 1950er Jahre zuerst als mögliche Folge von zu hoher radioaktiver Strahlung durch Atombombenversuche galten. Der Kinderarzt Dr. Widukind Lenz entkräftigte diese Vermutungen jedoch im Herbst 1961 (vgl. dazu Angabe 6 im Quellenverzeichnis). . 1968 kam es vor dem Landgericht Aachen zum Prozess. Knapp zwei Jahre später wurde dieser wegen „zu geringer Schuld“ eingestellt. Die Opfer werden bis heute hin finanziell entschädigt – zum Teil durch das Unternehmen und zum anderen von der Bundesregierung. Dem gerichtlichen Beschluss zufolge zahlte Grünenthal damals 114 Millionen DM an die Opfer, bis Juli 2009 stellt der Konzern den Contergangeschädigten weitere 50 Millionen Euro (vgl. dazu Angabe 8 im Quellenverzeichnis) zur Verfügung. Jeder Geschädigte erhält heute, je nach Schweregrad, eine monatliche Leibrente von 100 bis 500 Euro (vgl. dazu Angabe 9 im Quellenverzeichnis).

Der Film - Grünenthal erhebt Einstweilige Verfügung

Der Westdeutsche Rundfunk, kurz WDR, verfilmte gemeinsam mit der Produktionsfirma Zeitsprung die oben beschriebene Katastrophe. Im Jahr 2006 sollte der Zweiteiler mit den Titeln „Eine einzige Tablette“ und „Der Prozeß“ in der ARD ausgestrahlt werden. Grünenthal klagte gegen die Ausstrahlung mit dem Grund, dass einige Szenen, die das Unternehmen betreffen, nicht korrekt dargestellt seien und dieses somit in ein „schlechtes Licht“ rücken. Außerdem sei die Rücknahme des Schlafmittels kein Thema für einen Unterhaltungsfilm. Um die Ausstrahlung des Filmes zu verhindern, erhob das Aachener Unternehmen deshalb eine Einstweilige Verfügung. Neben Grünenthal klagte außerdem der Anwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen gegen die Rundfunkanstalt und die Produktionsfirma. Dieser fühlte sich durch die falsche Darstellung der Tatsachen, besonders seiner Ehe, in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt. Er selbst hatte damals die Opfer der Contergan-Katastrophe vor Gericht vertreten und war zudem selbst Vater eines Mädchens mit fehlenden Extremitäten.

Das Verfahren zog sich über mehr als ein Jahr hin. Im August 2007 entschied dann das Bundesverfassungsgericht (vgl. dazu Angabe 10 im Quellenverzeichnis) zu Gunsten des WDRs und der Produktionsfirma. Die Richter begründeten das Urteil vor allem mit folgenden Punkten:

  • Ein Verbot der Ausstrahlung seie ein zu schwerer Eingriff in die Freiheit der Rundfunkanstalt zur Gestaltung und Verbreitung ihres Programms.
  • Das Informationsinteresse der Öffentlichkeit überwiege gegenüber dem Schaden, den das Unternehmen Grünenthal befürchten müsse.
  • Der Zuschauer solle wissen, dass es sich um keinen Dokumentar-, sondern um einen Spielfilm handelt. Deswegen beschließt es das Einblenden eines Hinweistextes vor und nach dem Film.
  • Ebenso wurden einige Szenen gestrichen.

Im November 2007 zeigte die ARD dann den Zweitteiler. Der Film erhielt anschließend zahlreiche Fernsehpreise. Michael Souvignier, Produzent des Spielfilmes wünschte sich nach der Bambiverleihung, vor allem seitens des Unternehmens Grünenthal, den Dialog zwischen dem Pharmaunternehmen und den Opfern.

Die Kommunikation - ein Dialog nach Jahrzehnten

Erst nach der Ausstrahlung des Films suchte das Unternehmen Grünenthal den Kontakt zu den Opfern, 50 Jahre später nach der Markteinführung von Contergan. Der ehemalige Geschäftsführer der Grünenthal GmbH, Sebastian Wirtz, nimmt im Dezember 2009 erstmals öffentlich und vor allem gegenüber der Opfer Stellung zur Contergan-Katastrophe: „Die Contergan-Tragödie berührt meine Familie und mich sehr. Ich bedauere – wie meine ganze Familie – von ganzem Herzen, was vor 50 Jahren geschehen ist. Auch wenn ich zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht geboren war, möchte ich jetzt als Familienmitglied der dritten Generation versuchen, gemeinsam mit den Betroffenen die Contergan-Tragödie aufzuarbeiten.“ (vgl. dazu Angabe 11 im Quellenverzeichnis).

2008 kündigt Grünenthal an, dass das Unternehmen der Conterganstiftung schrittweise weitere 50 Millionen Euro zukommen lassen möchte. Dies soll bis Juli 2009 auch geschehen, so das Unternehmen in einer Pressemitteilung (vgl. dazu Angabe 8 im Quellenverzeichnis).

Im Jahr 2006 und 2007 erschienen firmeneigene Broschüren zum beschriebenen Arzneimittelskandal. Eine eigene Internetthemenseite stellt weitere Informationen und Stellungsnahmen aus Sicht des Unternehmens zusammen. Ein Eingeständnis einer Mitschuld oder eine Entschuldigung seitens des Unternehmens schien es jedoch bis heute nicht eindeutig gegeben zu haben.

Fazit

Die Frage wie man in einem solchen Fall, der nicht ausdrücklich nur Zahlen und Fakten betrifft, sondern in dem Menschen ihr Leben lang die Leittragenden sind, kommuniziert, ist schwierig zu beantworten. Das „Unter-den-Teppich-kehren“ scheint allerdings nicht die erfolgreichste Taktik zu sein, denn auch 50 Jahre später sind solche Katastrophen nicht vergessen – sie sind in die Geschichte eingegangen und daher kaum wieder auszublenden. Das Unternehmen Grünenthal mag sich wirtschaftlich vom Contergan-Skandal erholt haben und neue wirksame und gut verträgliche Medikamente auf den Markt gebracht haben, dennoch gehört der Skandal zur Unternehmensgeschichte (vgl. dazu Angabe 2 im Quellenverzeichnis). Dass ein Schuld- oder Mitschuldeingeständnis auch juristische Folgen für einzelne Mitarbeiter oder das Unternehmen gehabt hätte, ist klar. Dass es neben der Schuld vor Gericht aber auch eine Art moralische Schuld gibt, wohl auch.

Quellenverzeichnis und weitere Informationen

1: Zichner, Ludwig/Rauschmann, Michael/Thomann, Klaus-Dieter: Die Contergankatastrophe. Eine Bilanz nach 40 Jahren; Steinkopff-Verlag; Darmstadt; 2005.

2: Grünenthal GmbH: Die Contergan-Tragödie (Sonderdruck); Aachen; 2007.

3: Internetseite des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte: zugänglich unter der URL http://bfarm.de; (abgerufen am 26.06.2009).

4: Roth, Klaus: Eine unendliche Geschichte; Chemie in unserer Zeit; 39; 212-217; Weinheim 2005.

5: Luippold, Gerd: Die Renaissance des Contergan-Wirkstoffes; Pharmazeutische Zeitung; online zugänglich unter der URL: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=586; (abgerufen am 26.06.2009).

6: Online-Dossier des WDRs zum Thema Contergan: online zugänglich unter der URL: http://www.wdr.de/themen/gesundheit/pharmazie/contergan/chronik.jhtml?rubrikenstyle=gesundheit; (abgerufen am 27.06.2009).

7: De Gruyter, Walther: Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch S.1648; 259. neu überarbeitete Auflage; Berlin und New York 2002.

8: Pressemitteilung der Grünenthal GmbH vom 15. Mai 2009; online zugänglich unter der URL: http://www.contergan.grunenthal.info/ctg/de_DE/pdf/cw_de_de_press_mit_22.pdf; (abgerufen am 26.06.2009).

9: Thomann, Michael: Die trügerischen Sicherheiten der „harten“ Fakten; Deutsches Ärzteblatt 2007; 104 (41): 2778-2782.

10: Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts am 29.07.2007: online zugänglich unter der URL: http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg07-088.html; (abgerufen am 26.06.2009).

11: Internetauftritt des Unternehmens Grünenthals: online zugänglich unter der URL: http://www.contergan.grunenthal.info/ctg/de_DE/html/ctg_de_de_history.jhtml?CatId=ctg_de_de_history_b; (abgerufen am 26.06.2009).

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