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Campaigning am Beispiel "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft"

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2. Entstehung und Ziele

2.1 Die Gründung

Die INSM wurde im Oktober 2000 von dem Dachverband Gesamtmetall ins Leben gerufen. Auslöser war eine von der Metallindustrie in Auftrag gegebene Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach: „Haben die Deutschen eine gute Meinung von der Marktwirtschaft?“ lautete die Frage. Gerade einmal 22 Prozent im Osten und nur 44 Prozent im Westen antworteten darauf mit Ja (5). „Das sorgte für Unruhe im Arbeitgeberlager, man sah die Gefahr der Stagnation. Die Wirtschaft wünscht sich mehr Dynamik und größere Reformbereitschaft bei der Bevölkerung. Vor allem war es das Ziel, ein wirtschaftsfreundlicheres Klima in der Gesellschaft zu schaffen und wirtschaftsliberale Reformen voranzutreiben“ , heißt es in einer Studie über die INSM von Dr. Rudolf Speth für die Hans Böckler Stfitung (1). „Der Zusammenhang, dass erst erwirtschaftet werden muss, was später verteilt werden kann, war verloren gegangen. Wir brauchten einen Konsens darüber, was für Reformen sinnvoll sind und das Land stärken. Diesen Bewusstseinswandel soll die Initiative vorantreiben“, sagte der Präsident von Gesamtmetall, Martin Kannegießer, der Zeit (5).

2.2 Das Prinzip Markt

„Das Prinzip Markt breitet sich aus“, so Speth (1). Märkte und Wettbewerb gelten im Sinne der INSM als effizientere Koordinierungsmechanismen und seien dadurch der staatlichen Steuerung in vielen Bereichen überlegen. In dieser Annahme/Theorie spiegelt sich deutlich die Ausrichtung der Initiative als wirtschaftsliberale Lobby. Das bedeutet eigentlich nur, dass im Gegensatz zum Keynesianismus der Staat kaum Kontrolle über die Wirtschaft ausübt. Laut der neoliberalen Theorie muss man nichts kontrollieren, im Gegenteil, Kontrolle hindert die Selbstregulierung des Marktes, der sich früher oder später aus verschiedenen Gründen so einpegelt, dass es für alle gut läuft.

„Für viele sind Märkte aber auch eine Bedrohung, weil damit weite Teile des Lebens wirtschaftlichen Kalkülen unterworfen werden“, sagt Speth (1). Dieser Durchsetzung von Marktmechanismen stünden weite Teile der Bevölkerung skeptisch bis ablehnend gegenüber. Und hier sieht die Initiative ihren Ansatzpunkt: Bewusstesein schaffen für eine liberale Markwirtschaft. „Denn wer es jetzt schafft, eine Mehrheit für seine Ideen zu gewinnen, kann dieses Land verändern – so wie die wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungen der siebziger Jahre Deutschland bis heute prägen“, so Götz Hamann in der Zeit (5).

2.3 Die Macher: Scholz & Friends

Ideen alleine reichen heutzutage nicht mehr aus, um etwas zu erreichen oder zu verändern. Gefragt ist eine professionelle Umsetzung. Dessen waren sich auch die Gründungsväter der INSM bewusst: „In einer Mediengesellschaft herrschen die Gesetze von PR und der Werbeindustrie. Es genügt daher nicht, dass Intellektuelle Ideen produzieren, diese Ideen müssen auch kommunikativ so aufbereitet werden, dass sie wahrgenommen werden und die politische Agenda beeinflussen können“, so Speth (1).

Um eben diesen Anspruch an professionelle Kommunikation der eigenen Ideen gewährleisten zu können, schrieb Gesamtmetall einen 10 Millionen Etat aus. Letztendlich konnte sich die renommierte Agenutr Scholz & Friends gegen die übrigen Bewerber durchsetzen.

Scholz & Friends wurde 1981 in Hamburg gegründet und ist mit etwa 800 Mitarbeitern international vertreten. Zu den Kunden von Scholz & Friends gehören namhafte Unternehmen wie beispielsweise Daimler Chrysler, Coca Cola, die Berliner Zeitung, die FAZ und auf Landesebene das Land Baden-Württemberg und der Freistaat Sachsen.

Der Internettauftritt der INSM kommt von der Tochtergesellschaft Aperto AG, die Technik, Gestaltung und Content bereitstellt. Insgesamt arbeiten bei Scholz & Friends (inklusive Aperto) rund 40 Personen am Projekt INSM. Dabei werden alle medienrelevanten Sparten abgedeckt: PR, Werbung, Internet und TV.

Im Grunde ist das Konzept und der Name „Neue Soziale Marktwirtschaft“ eine Entwicklung von Scholz & Friends. In der Konzeption konnten sich die Verantwortlichen bei Scholz & Friends jedoch auf Vorreiter stützen, genannt sei hier „Die Waage“, die in den 50er Jahren bereits von der Ausrichtung her Ähnlichkeiten mit der heutigen Initiative aufwies.

Scholz & Friends stehen für die Umsetzung der PR-Maßnahmen für die Initiative rund 10 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Gesamtmetall gab zudem eine Finanzierungszusage bis 2010 – dem Jahr, wo die von den Sozialdemokraten initiierte „Agenda 2010“ ihre ‚erfolgreiche’ Umsetzung beendet. Klaus Dittko, Geschäftsführer bei Scholz & Friends, fasst die Zielsetzung in folgender Frage zusammen: „Wie verändert man die Einstellung zu unserer Wirtschafts- und Sozialordnung?.“ (5)

2.4 Der Wegbereiter: Die Waage

Zu Beginn des von Ludwig Erhard eingeleiteten „Wirtschaftswunder“ formierte sich schon damals eine ähnliche Initiative wie die INSM – „Die Waage“. Es entstand im Kreise einiger Unternehmer die Idee, „dass die Unternehmer für eine ihnen gemäße Wirtschaftsform Werbung machen müssten“ (1). In einem von Ludwig Erhard unterschriebenen Brief forderte der Generaldirektor der Phönix-Gummiwerke, Otto A. Friedrich, ausgewählte Unternehmer auf, sich an der „Aktion Soziale Marktwirtschaft“ zu beteiligen. „Sie sollte den Zweck verfolgen, in ‚leicht fassbarer Form’ mit Zeitungsanzeigen, Plakaten, Filmchen und ähnlichem mehr, ohne Polemik und frei von politischen Aggressionen für die Grundsätze, Handlungszusammenhänge und Erfolge der westdeutschen Wirtschaftsordnung zu werben.“ (1)

Die Initiatoren bedienten sich damals schon der zur Verfügung stehenden ‚modernsten Mittel’, wie beispielsweise der Werbung in Zeitungen, Flugblättern, Plakaten und Filmen. Ähnlich wie die INSM ihre PR-Maßnahmen einer professionellen Agentur übertrug, ließ auch „Die Waage“ eine professionelle Agentur, die Gesellschaft für Gemeinschaftswerbung (GfG) ihre Maßnahmen durchführen.

Entgegen der Ziele der INSM versuchte „Die Waage“ jedoch auch neben der Bevölkerung speziell Unternehmer zu erreichen. Ziel war es, vor allem „die Wirtschaftsführer der alten Ruhrindustrien, (...), für ein neues Wirtschaftsverständnis zu gewinnen". (1)

„Die Waage“ war in ihrer Funktion Vorreiter: Sie war „Pionier der modernen Polit-Werbung und hatte einen kommunikativen Vorsprung“. Sie trug dazu bei, dass bis heute mit dem Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ ein Mythos verbunden ist. Im Bewusstsein der Bevölkerung etablierte sich „die Vorstellung von der sozialen Marktwirtschaft als Interessengegensätze harmonisierende Ideologie“. (1)

Die INSM und Scholz & Friends griffen dieses damals erfolgreiche Konzept auf und modifizierten es für die heutigen Ansprüche. Sicherlich beabsichtigt wurde auf den Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ gesetzt, da dieser – wie gesagt – auch heute noch mit einem Mythos des wirtschaftlichen Aufschwungs, ja des Wirtschaftswunders an sich, verbunden ist.


3. Fazit: Der richtige Weg?

Auch wenn sich die Initiative bewusst dem Gründungsmythos bedient, bleibt doch in Frage gestellt, ob sie das „Sozial“ im Namen verdient. Klar ist, Ziel ist eine Liberalisierung der Wirtschaft mit neoliberalen Ansätzen. Und dieses Ziel versuchen die Mitglieder der INSM mit allen Mitteln zu erreichen. Dabei bedient sich die INSM der professionellen PR. Sie springen auf aktuelle Debatten auf, initiieren neue Debatten und arbeiten geschickt den Medien zu. Oft ist es für den Bürger gar nicht nachvollziehbar, dass das, was er gerade rezipiert, eine forcierte Kampagne der INSM ist. Der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer (SPD) bezeichnete die INSM als „eine reine Undercover-Organisation der Unternehmen“. Es gehe lediglich um die Umverteilung zu ihren Gunsten. (5)

Doch auch wenn manche ethische Bedenken am Vorgehen der Initiative hegen, lässt sich ihr Erfolg nicht leugnen: Entgegen der Umfragen, die zur Gründung führten, antworteten bei einer Befragung im vergangenen Jahr „schon 43 Prozent der Deutschen auf die Frage, ob die soziale Marktwirtschaft mehr Markt oder mehr Sozialstaat brauche: ‚mehr Markt’“ (5). Die Befragung wird regelmäßig von dem Bundesverband der deutschen Banken durchgeführt.

Dass sich etwas ändern muss in Deutschland ist unumgänglich. Die aktuellen Zahlen zeigen es. Die Wirtschaft stagniert, die Renten sind unsicher und die Arbeitslosenzahlen haben längst die Fünf-Millionen-Grenze überschritten. Dennoch bleibt die Frage: Ist das der richtige Weg, den die INSM beschreitet?



II. Instrumente und Methoden der Initiative

1. Zielgruppen

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat die Zielsetzung, einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung für eine stärkere marktwirtschaftliche Orientierung der Politik zu erreichen. Daher gilt grundsätzlich die gesamte Bevölkerung als Zielgruppe der Initiative.

In der ersten Phase der Arbeit der Initiative wurde daher auch mit großem Aufwand versucht, die Stiftung und ihre Ziele bekannt zu machen. über Anzeigen, Werbespots und Zeitschriftenbeilagen hat sich die INSM, teils mit massivem Einsatz finanzieller Mittel, erfolgreich als Marke in der politischen Landschaft der Republik etabliert.

Auf Dauer wäre eine solch breit angelegte Werbekampagne jedoch auch für die finanziell gut ausgestattete INSM nur schwer zu finanzieren. Hans Werner Busch, Hauptgeschäftsführer der Gesamtmetall sagte dazu: "Wenn wir die Bevölkerung insgesamt erreichen wollten, müssten wir die Mittel um den Faktor 100 multiplizieren. Deshalb wenden wir uns an die Multiplikatoren."(2)

Kernzielgruppe der INSM sind deshalb Meinungsmacher: Politikvertreter, Journalisten, Medienmacher und Lehrer. Diese Multiplikatoren können - einmal für die Ideen der Initiative gewonnen - durch ihre gesellschaftliche Stellung die Bevölkerung als Ganzes ohne großen finanziellen Aufwand erreichen. "Erst über die "Bienenarbeit" der Multiplikatoren wird dann die Bevölkerung erreicht und langfristig ein Klimawandel erzeugt." (1, S. 26)

Hans Werner Busch sieht diese Strategie grundsätzlich geglückt: "Wir beobachten, dass sich beispielsweise die Wahrnehmung im Spiegel in eine bestimmte Richtung hin ändert, Gabor Steingart mit seinem Buch(3) beispielsweise oder davor der Titel zum Sozialstaat. Dort finden Sie Argumente wie sie von der INSM auch gebraucht werden."



2. Instrumente der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

2.1 Der Multiplikatorenkreis

Neben der bereits erwähnten Ausrichtung der Werbemaßnahmen auf die Zielgruppe der Multiplikatoren ist die INSM auch bestrebt, prominente Vertreter dieser Multiplikatorengruppen direkt für ihre Zwecke einzuspannen. Als festes und wichtiges Element des Medien- und Öffentlichkeitskonzeptes der Initiative sollen diese bekannten Köpfe die Inhalte der Initiative in der Öffentlichkeit vertreten und propagieren.

Dieser so genannte Multiplikatorenkreis unterteilt sich in 'Kuratoren' und 'Botschafter', wobei die Kuratoren als Vertreter der Initiative aktiver in die Arbeit der Initiative eingebunden sind. Insgesamt zählen zu beiden Gruppen etwa 36 Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die - bis auf wenige Ausnahmen - ehrenamtlich für die Initiative tätig sind.

Die Einrichtung dieses Kreises geht auf das Konzept der PR-Agentur Scholz & Friends zurück. Die Idee dahinter ist, der Initiative eine Breitenwirkung zu verschaffen, die sie mit konventionellen PR-Instrumenten nur schwer erreichen könnte. Die Kuratoren als Botschafter sollen einerseits als Testimonials den Inhalten der Initiative Glaubwürdigkeit verschaffen, andererseits aber auch in ihrem jeweiligen Wirkungskreis die Werbetrommel der INSM rühren. Daher ist die INSM auch stets bemüht, Repräsentanten aller Parteien für den Multiplikatorenkreis zu gewinnen. Mit Ausnahme der PDS ist dies auch gelungen.

Zu den Kuratoren zählen derzeit unter anderem Martin Kannegießer, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Prof. Dr. Hans Tietmeyer, ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank und Oswald Metzger, Finanzexperte Bündnis 90/Die Grünen und ehemaliges Mitglied des Finanzausschusses des Bundestags. Unter den Botschaftern finden sich Namen wie Prof. Roland Berger, Vorstand der größten deutschen Unternehmensberatung Roland Berger & Partner, Dr. Silvana Koch-Mehrin, Mitglied des Europaparlaments und des FDP-Bundesvorstands oder Prof. Dr. Lothar Späth, ehem. stv. Vorsitzender der CDU, Aufsichtsratsvorsitzender der Jenoptik AG und Talkshowmoderator.

2.2 Integrierte Kommunikation und Medienmix

Die INSM nutzt ein breites Spektrum medialer Mittel, um ihre Botschaften zu transportieren. Von eigenen Magazinen und Büchern über Presseinformationen, Fernsehbeiträge bis hin zu einer Palette eigener Webseiten sind sämtliche Medien vertreten. Daneben verwendet die INSM ihr üppiges Budget immer wieder Anzeigenkampagnen wie die kostenintensive Werbeoffensive, mit der die Initiative bekannt geworden ist. Anzeigenkampagnen erfolgen etwa alle sechs Wochen, mit dem Zweck, nicht nur immer wieder neue Themen zu setzen, sondern auch die Initiative selbst immer wieder im Gespräch zu halten.

Das Entscheidende an diesem Medienmix ist jedoch, dass die verschiedenen Medien alle in das große Kommunikationskonzept der INSM eingebunden werden. Die genannten Kanäle der öffentlichkeitsarbeit werden gemeinsam und koordiniert genutzt, oft im Zusammenspiel mit den Kuratoren und Botschaftern, die die jeweilige Kampagne mit Interviews und Statements oder eigenen Beiträgen in den Medien unterstützen. Die berolino.pr hält hier in Zusammenarbeit mit der PR-Agentur Scholz & Friends die Fäden in der Hand.

Eine Kampagne könnte dieser Strategie folgend so aussehen: die INSM favorisiert ein neues, vereinfachtes Steuermodell und beschließt, dieses mit ihren Mitteln zu unterstützen. Dann beginnt eine Anzeigenkampagne, die mit gezielt provokanten Motiven ein einfacheres Steuersystem fordert. Gleichzeitig beginnt die Pressearbeit, den Medien werden Interviews mit Kuratoren und Botschaftern angeboten, die sich im Sinne der Initiative zu dem Thema äußern. Ist das Interesse geweckt werden eigene Studien und Publikationen veröffentlicht, die die Position der Initiative wissenschaftlich Untermauern, den Medien werden Artikel oder Material für Fernsehbeiträge angeboten. So arbeiten alle Elemente der Kommunikation zusammen, unterstützen sich gegenseitig und haben dort Erfolg, wo sie allein gescheitert wären.

Auch das große Bild der Gesamtkommunikationsstrategie der Initiative unterliegt der Maxime solcher integrierten Kommunikation. Sämtliche Kampagnen der INSM werden zuvor darauf überprüft ob und in wie weit sie das Gesamtziel der Stiftung, nämlich den Wandel des politischen Klimas, unterstützen können.

"Wenn die Strategie integrierter Kommunikation erfolgreich angewendet wird, dann ergibt sich für die Initiative ein branding für die Marke "Neue Soziale Marktwirtschaft". Ansonsten bleibt es bestenfalls ein vielstimmiger Chor oder das Projekt wird durch den politischen Gegner zerrieben und skandalisiert. Bislang aber scheint die Strategie aufzugehen." (1, S. 25)

2.3 PR-Journalismus

Das primäre Ziel der Initiative ist es, ihre Inhalte zu platzieren und ihre Ziele zu erreichen. Dabei ist es zu vernachlässigen und oft sogar hinderlich, die INSM als Marke allzu sehr zu etablieren. Deshalb setzt die Initiative auf mehr oder weniger verdeckte Engagements.

Eine wichtige Rolle spielen dabei einmal mehr die Kuratoren und Botschafter. Diese bieten sich den Medien als Interviewpartner an oder werden ohne eigenes Zutun auf Statements angesprochen. Die dann gemachten und veröffentlichten Äußerungen erscheinen als Stellungnahme mit ganz normalem journalistischem Charakter, sind jedoch zuvor bis ins Detail mit der Initiative abgesprochen worden. Die INSM benutzt hier den Multiplikatorenkreis als direktes Sprachrohr, ohne selbst in Erscheinung treten zu müssen. Oswald Metzger von den Grünen beschreibt diesen Vorgang so: "Die fragen mich an, ob ich Interesse hätte, bei einer Kampagne gegen Kohlesubventionen oder beim Agrarthema etwas zu machen. ... Dann sage ich o.k. das Thema liegt mir besonders, da kenne ich mich aus, da will ich mich positionieren. Und dann kommt es zu einer Abstimmung." (4)

Analog dazu fördert die Initiative die Produktion von Filmen und Fernsehbeiträgen, deren Aussage mit den Zielen der INSM korrespondieren. So gelangen immer mehr Filme in die Programme der Fernsehsender, die der INSM genehm sind, während andere, ungeförderte Beiträge gar nicht erst produziert werden.

Daneben bietet die INSM den Medien eine breite Palette an Studien und Hintergrundinformationen an, die stets den Bedürfnissen des jeweiligen Mediums angepasst abgerufen werden können. Die immer mehr unter Zeit- und Leistungsdruck stehenden Redaktionen greifen gerne auf diese mundgerechten Angebote zurück, sparen sie doch Zeit und Geld. Die Produkte und damit die Inhalte der INSM finden deshalb immer mehr Eingang in die Medien, die Standpunkte der Initiative werden, oft von den Medien selbst unbemerkt, immer mehr übernommen. Dieser PR-Journalismus spielt in der deutschen Medienlandschaft eine immer wichtigere Rolle.

"Wie die Schleifen des PR-Journalismus sich drehen, führt das Magazin impulse vor: in einem Bericht über die Reforminitiativen beschreibt der Autor, wie es der INSM mit unpolitischen Aktionen gelingt, Präsenz in der öffentlichkeit zu erzeugen und zitiert den Geschäftsführer Dieter Rath mit dem Satz: "Unser Erfolg hängt damit zusammen, dass wir nicht wie wild plakatieren, sondern mit Medien gezielte Partnerschaften eingehen." Unerwähnt bleibt dabei, dass impulse selbst in einer engen Partnerschaft mit der INSM verwoben ist." (1, S. 30)

2.4 Integration der Wissenschaft

Einzigartig unter den Reforminitiativen macht die INSM auch deren Bestreben, in allen Aspekten die Wissenschaft mit einzubeziehen. Die Initiative bindet Wissenschaftler, vor allem Wirtschaftswissenschaftler an sich, die Inhalte der INSM mit ihrer wissenschaftlichen Expertise untermauern. "Denn Aufmerksamkeit kann nur erzeugt werden, wenn hinter dem Argument noch wissenschaftliche Seriösität steckt. Wissenschaftler können Begründungszusammenhänge für die Notwendigkeit durch marktwirtschaftlicher Reformen liefern. Sie liefern aber erst durch ihre Person und ihren Status die notwendige Aufmerksamkeit." (1, S. 34)

Zu diesem Zweck ist die INSM eine enge Partnerschaft mit dem 'Institut der deutschen Wirtschaft' (IW). Das Institut liefert der INSM über den eigenen Institutsverlag Studien, Daten und Berechnungen, also das wissenschaftliche Fundament. Ein Beispiel für die fruchtbare Zusammenarbeit ist das 'Reformbarometer', eine Erfindung von Scholz & Friends, das von den Wissenschaftlern des Instituts monatlich erstellt und von der Wirtschaftswoche veröffentlicht wird. Dabei handelt es sich um eine Art Stimmungsbericht zum Fortgang der Reformen aus der Sicht der INSM. Wissenschaftlich fundiert und grafisch gut aufbereitet bietet das Barometer eine kurze übersicht über den Stand der Reformen in Deutschland und dient als Ausgangspunkt für die Forderung der INSM nach weiteren, tiefgreifenderen Reformen. Wichtig ist, dass die zugrunde liegenden Daten unter Wirtschaftswissenschaftlern als seriös angesehen werden.



3. Ethische Problematik

Objektiv gesehen handelt es sich bei der INSM um eine effiziente, gut arbeitende und hervorragend konzipierte Marketing- und PR-Maschine, die erfolgreich an der ihr gestellten Aufgabe arbeitet. Die Arbeit mit dem Multiplikatorenkreis, die Kooperation mit der Wirtschaft und der PR-Journalismus dienen dem Zweck der Initiative auf einzigartige Weise und tragen maßgeblich zu deren Erfolg bei. Insofern ist die INSM ein Vorbild für eine großangelegte PR-Kampagne, die nichts weniger zum Ziel hat, als eine ganze Gesellschaft auf Linie zu bringen.

Dennoch sind eben diese drei Instrumente mit einiger Berechtigung als ethisch bedenklich einzustufen. Die gezielte Ausnutzung von Schwächen in der Zusammenarbeit von PR und Journalismus, um den Medien und letztendlich dem Rezipienten den eigenen Standpunkt 'unterzujubeln' bedeutet, die öffentlichkeit nicht mehr nur zu beeinflussen, sondern gezielt zu manipulieren. Solche Manipulation verstößt durchaus auch gegen internationale Ethikstandards der PR-Branche. So schreibt der "Code d'Athenes", denn die meisten Dachverbände der PR-Branche ratifiziert und zur Grundlage eigener Codices gemacht haben, vor "die geistigen und psychologischen Voraussetzungen für einen echten Meinungsaustausch zu schaffen und den Partnern die Möglichkeit zu geben, ihren Standpunkt zu vertreten." Weiterhin fordert der Code die PR-Macher dazu auf, stets so zu handeln, dass das Vertrauen des Publikums nicht verloren geht. Eben dieses Vertrauen aber kann auf Dauer durch Praktiken wie die der INSM Schaden nehmen.

Strategien wie die der INSM mögen effektiv sein, schaden letztendlich aber sowohl der PR-Branche als auch dem Journalismus. Wenn Nachrichten und PR-Inhalte nicht mehr voneinander unterschieden werden können, verlieren beide an Glaubwürdigkeit. Ein solches Amalgam wird keine verlässlichen Inhalte mehr liefern, es setzt sich nicht das wichtigste Thema durch, sondern jenes, das am effektivsten und subversivsten vermarktet wird. Nicht zuletzt deshalb gibt es Codices wie den Code d'Athenes, um solchen Machtmissbrauch in der PR-Arbeit zu verhindern.



III. Quellen

(1) Dr. Rudolf Speth: "Die politischen Strategien der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", Studie der Hans Böckler Stiftung, August 2004

(2) Interview mit Dr. Hans Werner Busch, 24. Mai 2004; entnommen aus (1)

(3) Gabor Steingart: "Deutschland - Der Abstieg eines Superstars", Piper Verlag, 2004

(4) Interview mit Oswald Metzger, 14. Mai 2004; entnommen aus (1)

(5) Götz Hamann: "Lautsprecher der Kapitals", Die Zeit - Wirtschaft, 19/2005



IV. Weblinks

Website der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Scholz & Friends Group

Code d' Athenes auf den Seiten des Deutschen Rates für Public Relations

Die Zeit - Lautsprecher des Kapitals

Speth, Rudolf: Die politischen Strategien der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (PDF-Format)


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