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Barrierefreiheit 2.0 – was bringt das Social Web für Menschen mit Behinderungen?

„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ - Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes

Der Hypebegriff des Web 2.0 ist aus dem Netz und den Köpfen der Internetnutzer nicht mehr wegzudenken. Immer neue Arten von Social Software entstehen und die Vielfalt an digitalen Mitgestaltungsmöglichkeiten wird von Tag zu Tag größer. Doch dass das Mitmachweb in punkto Barrierefreiheit und einfacher Zugänglichkeit für behinderte Menschen erst ganz am Anfang steht, belegen Statistiken der EU aus dem Jahr 2006. So erfüllten nur etwa 3 Prozent der öffentlichen Websites vollständig den Mindestanforderungen in Bezug auf die Barrierefreiheit. Zugleich aber machten Behinderte in der EU einen Bevölkerungsanteil von 15 Prozent aus (vgl. Suhl, Sven-Olaf [2006]). Die digitale Spaltung scheint somit immer noch nicht ganz überwunden.

Vor allem auch viele neue Social Communities mit ihren zahlreichen auf Ajax oder Javascript basierenden Web Applications sind nur begrenzt für behinderte Personen zugänglich, obwohl sie eigentlich die Speerspitze des neuen sozialen Webs darstellen. Dass sich Menschen mit Behinderungen aber überdurchschnittlich im Netz informieren, dort surfen und mit anderen kommunizieren, ist schon seit Jahren bekannt. So gaben bei einer Umfrage des Bundeswirtschaftsministeriums im Jahr 2001 etwa achtzig Prozent der befragten Menschen mit Behinderungen an, das Internet zu nutzen. Im Vergleich dazu: Die Nutzungsrate in der Gesamtbevölkerung lag 2003 erst bei 42 Prozent und 2007 bei etwa 60 Prozent (vgl. Schmitz, Christian [2002]). Somit zeigt sich, dass Internetuser sowohl mit starker als auch schwacher Behinderung einen hohen Wert auf den Communitygedanken legen. Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen, spricht dem Web 2.0 eine zunehmend wichtigere Rolle zu: „Ein ganz entscheidender Vorteil der digitalen Kommunikation ist, dass die individuellen Interessen im Mittelpunkt stehen und beispielsweise nicht eine sichtbare Behinderung. Das Internet an sich baut hier bereits Barrieren ab.“ Der Freundeskreis beschränke sich nicht mehr nur auf Verbände oder Selbsthilfegruppen, sondern könne ganz individuell und interessensabhängig erweitert werden (vgl. Biene Award: Barrierefreiheit 2.0: Wie sozial ist das Netz? [2007]).

Bei all diesen Daten und Fakten mag sich nun der ein oder andere fragen: Was genau heißt denn nun eigentlich Barrierefreies Internet? Beschränkt sich dieser Begriff einzig auf einen verbesserten Internetzugang für behinderte Menschen? Die Antwort lautet: Nein, nicht nur. Barrierefreies Internet heißt einfache Zugänglichkeit, bessere Lesbarkeit und einfachere Bedienbarkeit. Und das sowohl unter technischen Gesichtspunkten (Betriebssystem, Browser etc.), als auch unter inhaltlichen Aspekten (wie benutzerfreundlich bzw. wie verständlich ist eine Seite?).

Beispiele für Barrierefreies Internet gibt es viele:

  • Alternativtexte für Bilder oder Videos
  • Übersetzung von Bildern und Videos in Gebärdensprache
  • Einhaltung aller technischen Standards, damit die Seite auf allen Browsern dargestellt werden kann und damit Screenreader darauf zugreifen können
  • Verwendung leichter Sprache (einfache, kurze Sätze)
  • Skalierung der Schrift
  • Herstellung von Kontrasten und Verwendung von klaren Schriften
  • Schaffung von übersichtlicher Navigation, Entschlackung des Seitencodes (dadurch wird die Seite zudem für Suchmaschinen optimiert)

(weitere Punkte vgl. Web For All [2007])

Barrierefreiheit ist für alle nützlich. Deswegen wurden einige ihrer Standards Ende der neunziger Jahre vom Gremium zur Standardisierung der das World Wide Web betreffenden Techniken, kurz W3C, festgelegt. Die EU startete ihrerseits 1999 die e-Europe Initiative, welche die Teilhabe aller am Internet, ungeachtet von Alter und Behinderung, als eines ihrer zehn Teilziele formulierte. In Deutschland ist seit Juli 2002 die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) in Kraft, die Einrichtungen des Öffentlichen Rechts im Rahmen des Gleichstellungsgesetzes dazu verpflichtet, ihre Internetauftritte barrierefrei zu gestalten (vgl. Wikipedia, 2007). Alle diese Maßnahmen scheinen dringend notwendig, liegen die Zahlen für Menschen mit Behinderungen EU-weit bei 38 Millionen und Deutschlandweit bei etwa 8,6 Millionen (vgl. Wikipedia, 2007 bzw. Barrierefrei, 2006).

Das Thema ist des Weiteren auch aus PR-Sicht interessant: Eine übersichtliche, gut navigierbare und frei von Hindernissen gehaltene Webseite spricht nicht nur neue Zielgruppen an. Sie zeigt, dass man niemanden ausschließt und fördert somit Reputation und Image eines Unternehmens oder einer Institution. Mit leichter verständlichen Sätzen können Ziele und Positionen zudem klarer formuliert werden; mit der Entschlackung des Seitencodes haben es Suchmaschinen und damit die Zielgruppen einfacher, die Seite aufzufinden. So entsteht im Idealfall eine Win-Win-Situation, von der sowohl Anbieter als auch Konsument/Kunde nur profitieren können.

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Quellen- und Literaturverzeichnis:

Suhl, Sven-Olaf (2006): Europäische Minister fordern "Internet für alle", in: Heise Online News, 13.06.2006, URL: http://www.heise.de/newsticker/meldung/74200 (zuletzt aufgerufen am 13.12.2007).

Biene Award (2007): Barrierefreiheit 2.0: Wie sozial ist das Netz?, in: Biene Award, 02.10.2007, URL: http://www.biene-award.de/award/ (zuletzt aufgerufen am 13.12.2007).

Wikipedia (2007): Barrierefreies Internet, in: Wikipedia, 10.12.2007, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Barrierefreies_Internet (zuletzt aufgerufen am 13.12.2007)

Web For All (2007): Was bedeutet Barrierefreiheit?, in: Web For All, URL: http://www.webforall.info/papoo8/web-barrierefreiheit/was-bedeutet-barrierefreiheit-digitff.html (zuletzt aufgerufen am 12.12.2007)

Barrierefrei (2006): Ein Blick in die Statistik, in: barrierefrei.de, URL: http://barrierefrei.de/information/Statistisches.html (zuletzt aufgerufen am 12.12. 2007)

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5-Minuten-Thema von Hans Schmucker im Rahmen der PR-Veranstaltung PR II (Thomas Pleil)

Studiengang Online-Journalismus/Schwerpunkt PR an der Hochschule Darmstadt (Wintersemester 2007/2008)

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Page last modified on December 18, 2007, at 07:20 PM